Chemie am Kolleg
„Chemie ist, wenn es kracht, raucht und stinkt, Physik ist, wenn es nicht gelingt.“
Diesen Satz wird wohl jeder Schüler irgendwann einmal in seiner Schullaufbahn gehört haben. Doch so einfach will ich es mir mit der Definition der "Chemie“ nicht machen. Ganz abgesehen davon dass durch diesen Spruch das Fach Physik, welches mit ja mit der Chemie eng verwandt ist, abgewertet wird.
Das Ansehen der Wissenschaft Chemie hat in den letzten Jahren immer mehr Schaden genommen. Der Normalbürger assoziiert damit heutzutage unwillkürlich Bilder der schleichenden Umweltverschmutzung wie rauchende Schornsteine, sterbende Flüsse, Gifte in Nahrungsmitteln und ähnliches mehr. Bevor man sich diese einseitige Sichtweise zu eigen macht, muss man bedenken, dass unter „Chemie“ nicht die chemische Industrie und deren Interessen, sondern die wertfreie Wissenschaft der Eigenschaften von Stoffen und ihren Reaktionen zu verstehen ist.
Ohne diese Wissenschaft wäre unser Leben, so wie wir es heute kennen, überhaupt nicht mehr vorstellbar. Ob Zahnpasta, Kosmetika, ein modisches Viskosekleid oder die leuchtenden Farben, die unser Leben bunter machen, chemische Produkte sind so allgegenwärtig, dass sie uns täglich vom Aufstehen bis zum Schlafengehen begegnen. Ihrer Herkunft aus der Retorte sind wir uns dabei oft gar nicht mehr bewusst.
Im Gymnasium habe ich immer wieder erlebt, dass viele Schüler der Meinung waren, Chemie brauchten sie nach der Schule nie mehr im Leben. Dies erweist sich jedoch bei den meisten als Irrtum. In vielen naturwissenschaftlichen Studiengängen sind heutzutage Vorlesungen, Praktika bzw. Klausuren in Chemie Pflicht. Außerdem begegnen uns Begriffe wie Dioxin, FCKW, Schwermetalle, Phosphate, Treibhausgase, saurer Regen u.s.w., um nur einige zu nennen, täglich in unseren Massenmedien. Um in der aktuellen Umweltdiskussion qualifiziert mitreden zu können und nicht auf die schönfärbenden Sprüche von Politikern jeglicher Couleur bzw. von Interessenvertretern der Industrie hereinzufallen, ist es aber nötig, ein gewisses Grundwissen chemisch-ökologischer Zusammenhänge zu besitzen. Im Kolleg haben die Kollegiaten die Möglichkeit, dieses Wissen als Basis für spätere Umweltdiskussionen zu erwerben.
Das Wort Chemie leitet sich von der Alchemie des Mittelalters ab und kommt ursprünglich aus dem Ägyptischen, wo es "das Schwarze" bedeutet. Diese "schwarze Kunst" versuchen die Chemielehrer den Kollegiaten in 3 bzw. 4 Jahren zu vermitteln. Da der Chemieunterricht von praktischen Versuchen lebt, findet er in speziell dafür eingerichteten Fachräumen statt.
In der Eingangsklasse des Kollegs werden vor allem die Grundlagen der Allgemeinen Chemie vermittelt. Wie fast jede Naturwissenschaft, hat auch die Chemie ihre eigene "Geheimsprache". Ursprünglich hatte sie den Sinn "Nicht-Eingeweihte" von der schwarzen Kunst fernzuhalten. Heute hat sie sich zu einer international einheitlichen Fachsprache entwickelt, deren Grundbegriffe den Schülern schon in den ersten Monaten vermittelt werden. Am Kolleg sitzen Schüler mit den unterschiedlichsten Berufsausbildungen und damit mit verschiedener chemischer Vorbildung in derselben Klasse. Aufgabe der ersten Klasse ist es daher vor allem, diesen unterschiedlichen Wissensstand zu nivellieren. Auch wenn ein Schüler noch niemals in der Schule Chemieunterricht hatte, kann er den Stoff des ersten Jahres ohne Schwierigkeiten bewältigen, da auf kein Vorwissen aufgebaut wird. Man sollte auch keine Angst haben, bei Verständnisschwierigkeiten Fragen zu stellen. Vielmehr sollte man sich vor Augen halten, dass es keine "dummen Fragen" gibt, aber wer nicht fragt, dumm bleibt. Da der Chemieunterricht praktisch bei Null beginnt, und anfangs auch sehr leicht ist, besteht mehr die Gefahr, dass ein Schüler das Fach unterschätzt und dementsprechend wenig Engagement zeigt. Dies kann jedoch ein verhängnisvoller Fehler sein. Im Kolleg wird im Vergleich zum G8 des Gymnasiums nämlich wöchentlich eine Stunde Chemie weniger unterrichtet bis ein Schüler die 2. Jahrgangstufe erreicht, so dass der Stoff entsprechend komprimiert durchgenommen werden muss und schon nach kurzer Zeit ein relativ hohes Niveau erreicht wird.
Die Erste Jahrgangstufe beschäftigt sich mit Grundlagen der allgemeinen Chemie sowie mit Kohlenwasserstoffen, Alkoholen, Aldehyden und Carbonsäuren.
Die Themen der zweiten Jahrgangsstufe sind neben aromatischen Kohlenwasserstoffen, die Struktur und Eigenschaften von Farbstoffen und Kunststoffen sowie Fette und Tenside, Kohlenhydrate und Stereoisomerie, Aminosäuren und Proteine und letztendlich Reaktionsgeschwindigkeit und Enzymkatalyse.
Die dritte Jahrgangstufe beinhaltet dann das Chemische Gleichgewicht, Protolysegleichgewichte und die Elektrochemie.
Roman M. Karg
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