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Der Vorleser
Tiefgründiger Roman über Schuld und Sühne
Eine Rezension von Benjamin Fleischmann
Das Buch der Vorleser von Bernhard Schlink ist erstmalig 1995 im Diogenes Verlag erschienen.
Es erzählt die Geschichte einer höchst ungewöhnlichen Beziehung eines Jungen zu einer wesentlich älteren Frau.
Die Handlung gliedert sich dabei in drei chronologische Abschnitte und wird umklammert von der stetig präsenten Metaebene der Nacherzählung die bestetig spätere Schlüsse und Erkenntnisse des Ich-Erzählers in die Handlung mit einspinnt.
Teil eins beginnt im Nachkriegsdeutschland Ende der fünfziger Jahre. Beschrieben wird die heimliche Liebesbeziehung des fünfzehnjährigen Erzählers Michael zu der sechsunddreißigjährigen Hanna.
Schlink schafft es von Start weg Emotionen dicht und real in Worte zu fassen. Nah am Menschen trifft es wohl am besten, auch erotische Spannung wird zu Zeiten aufgebaut ohne in das Voyeuristische abzugleiten. Auch werden die Grundsteine für später Entwicklungen gelegt, so etwa das Element des titelgebenden Vorlesens eingeführt.
Im zweiten Teil dreht sich das Geschehen um die Vergangenheitsaufarbeitung der Hauptperson Hanna in Form einer Gerichtsverhandlung die auch aus gesamtgesellschaftlicher Sicht gelesen werden will.
Hier rückt das politische in den Vordergrund und dennoch der etwas schwächere Teil eines hervorragenden Buches. Die Verhandlung und Michaels Besuch im KZ wird genutzt um die Frage der Schuld des einzelnen in der NS-Zeit zu stellen und wie man damit umgehen kann und muss. Schlink gelingt dies ohne erhobenen Zeigefinger, kann sich aber nicht einer gewissen Beliebigkeit erwehren.
Der dritte Teil erzählt die Phase während Hannas Inhaftierung und deren tragisches Ende. Zum Abschluss wird in die Jetztzeit des Erzählers gewechselt und so die übergeordnete Erzählebene abgerundet.
Auch der Generationenkonflikt und die besonderen Auswirkungen dessen Ende der sechziger Jahre treten hier zu Tage.
Dieser Teil ist derart emotional brilliant in Text gegossen, dass es seines Gleichen sucht. So erweist sich der Verzicht auf ein Happy End als eine weise Entscheidung und macht die Geschichte zu etwas das man nicht mehr aus dem Gedächtnis verlieren wird und zahlreiche moralische Fragen aufwirft.
Sicher kann man dem Buch eine Vereinfachung in Bezug auf die deutsche Schuld und eine emotionale Nähe zu den Tätern, hier in Gestallt von Hanna, ausweisen, doch revisionistisch ist das Ganze nicht. Nein, es wird auf übliche schwarz-weiß Zeichnung verzichtet und neben Schuld und Sühne auch über Analphabetismus und asymmetrische Beziehungen reflektiert. Die Charaktere wirken echt, ihre Dilemmata stets nachvollziehbar. Die sprachliche Ausführung ist durch unvermittelte emotionale Wendungen, Gegensatzpaare und hochsprachliche Elemente derart gelungen, dass man der Vorleser bis zum Ende nicht mehr aus der Hand legen mag. Absoluter Lesebefehl!
9 von 10 Punkten